Methodische Überlegungen zur Orgelschule

Der Orgelschule “Orgelspielen kinderleicht” liegen methodische Überlegungen zugrunde, die hauptsächlich aus der jahrelangen Erfahrung mit Kindergartenkindern im Orgelunterricht entstanden sind. Auf ein paar der Hintergründe möchte ich hier eingehen und so Einblick geben, warum manche Entscheidung hinsichtlich der Konzeption der Schule so gefallen ist. Bei Fragen oder Anmerkungen dazu freue ich mich immer auf Austausch und Rückmeldungen!
1. Motorik

In den ersten Kapiteln wird den Kindern zunächst das System der drei Zeilen übereinander beigebracht. Dabei klopfen und stampfen die Kinder und spielen noch gar keine Töne. Der nächste Schritt ist dann das Pedalspiel von zwei Tönen und erst ab dem vierten Kapitel kommen die Hände bzw. Finger zum Einsatz.
Diese Reihenfolge ist nicht willkürlich gewählt. Vielmehr ist sie in der Komplexität entsprechend der motorischen und auch kognitiven Entwicklung der Kinder angepasst. So lernt das Kind zunächst mal, welche Zeile welcher Hand bzw. den Füßen zugeordnet ist. Die beiden Beine unabhängig voneinander zu bewegen und die ersten beiden Noten auseinanderzuhalten ist der nächste Schritt und erst dann kommt das Bewegen der einzelnen Finger, was motorisch die größte Herausforderung darstellt.

 

2. Oktavversetzung

Beide Hände beginnen in der Orgelschule mit dem eingestrichenen C / DO, allerdings nicht zwangsläufig in der gleichen Lage. Man kann das Kind auf einer zweimanualigen Orgel die beiden Hände natürlich übereinander spielen lassen. Es ist aber auch möglich, die linke Hand eine Oktave tiefer zu positionieren. Das stimmt dann natürlich nicht mehr mit der notierten Oktavlage überein. Grund für die Entscheidung war, beide Hände direkt von Anfang an gleichberechtigt einzubeziehen. Dazu werden die eingeführten Noten dann eben auch von beiden Händen gespielt. Erfahrungsgemäß ist es nicht schierig, die Oktavversetzung zu erklären, wenn erst einmal genügend Töne im Violin- und Bassschlüssel gelernt wurden.
Außerdem ist die Transposition um eine Oktave ja an der Orgel sogar manchmal gewollt, wenn man z.B. eine 4′-Klangfarbe gerne in der 8′-Lage hätte.

 

3. Überbindungen

Die langen Notenwerte werden hier erst einmal mit überbundenen Noten eingeführt. So wird auch visuell deutlich, wie viele Schläge eine Note gehalten werden soll. Für das einstimmige und homophone Spiel ist das oft noch gar kein Vorteil gegenüber der üblichen Notation in Halben und Ganzen. Doch wenn es darum geht, eine Stimme länger zu halten, während die andere sich bewegt, wird diese Notation sehr hilfreich, da ganz klar auch auf der Zählzeit, die übergebunden ist, alle klingenden Noten übereinanderstehen und so die Mehrstimmigkeit sichtabar bleibt.

 

4. Aufbau der Kapitel

Innerhalb eines Kapitels steigt der Schwierigkeitsgrad der Übungen stark an. Die ersten Übungen führen die neue Note ein und beginnen einstimmig. Innerhalb des Kapitels steigt die Komplexität v.a. des Zusammenspiels zwischen Händen und Füßen. Ziel der Schule ist es nicht, dass ein Kind jede Übung perfekt spielen kann. Vor allem die letzten Übungen eines Kapitels sollen, wenn sie gespielt werden, die Fähigkeit fördern, bis zu dreistimmige Stücke lesen und spielen zu können – allerdings nicht zwangsläufig schon gleich in einem flüssigen Tempo. Diese Fähigkeit entwickelt sich durch das Spielen solcher Übungen immer weiter, sodass es am Ende der Schule möglich sein sollte, sich auf dreistimmiges Spiel über acht Takte konzentrieren zu können. Bei manchen Kindern empfiehlt es sich, die letzten Übungen eines Kapitels vorerst zu überspringen, um dann im nächsten Kapitel wieder mit den einfachen Übungen und einem neuen Ton zu starten.

 

5. Groß und bunt

Die Wahrnehmung und Motivation der Kinder wird maßgeblich auch vom Notenmaterial beeinflusst. So empfanden alle meine Schüler:innen das gleiche Stück als wesentlich schwieriger, wenn es in “normaler”, kleiner Notengröße auf einem Blatt Papier ausgedruckt war, als wenn sie es groß, farbig und mit dicken Linien auf dickem Papier vor sich hatten. Es fällt wesentlich leichter, die Notenlinien zu zählen, wenn sie weit genug auseinander liegen, dass der Finger sie einzeln zeigen kann und auch, dass nach vier gespielten Übungen umgeblättert werden kann, ist in der Praxis immer wieder ein kleiner Motivationsschub.

 

6. Wie geht es weiter?

Die Orgelschule kann nur einen grundsätzlichen Einstieg ins Notenlesen geben. Mit insgesamt zwölf Tönen in Violin- und Bassschlüssel können zwar schon die ersten Stücke gespielt werden, aber natürlich möchte ein Kind, wenn es sich für die Orgel begeistert, auch noch weiter lernen. Orgellehrer, die einen guten Überblick über die Anfängerliteratur im Orgelbereich haben, können danach sicherlich mit einigen Anpassungen eine andere Anfängerschule verwenden, die oft ein schneelleres Lerntempo voraussetzen.
Für Eltern oder Lehrer, die nach weiterführendem Material suchen, das das Konzept von “Orgelspielen kinderleicht” weiterführt, gibt es ab März 2021 eine Lern-Webseite mit Videos, PDF-Notenmaterial und Powerpoint-Präsentationen, die genau auf dem Prinzip der Orgelschule aufbaut, aber neben dem reinen Notenlernen auch die Themenbereiche Improvisation, Rhythmus, Tonsatz/ Harmonisieren und (Kinder-)Lieder Spielen behandelt.
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